Der Bitcoin-Hype – Chance für Zocker oder Tulpomanie?

Jahrelang galten Bitcoins als etwas undurchsichtiges Zahlungsmittel für Kriminelle und Nerds mit hoher Technik-Affinität. Im Jahr 2017 scheint die digitale Kryptowährung allerdings endgültig in der breiten Masse der Bevölkerung angekommen zu sein und eilt an den verschiedenen Handelsplätzen scheinbar zu immer neuen Rekordwerten. Während sich die meisten Finanzgurus über die tatsächlichen Chancen einer Geldanlage in der Kryptowährung uneinig sind, lenken manche Banker mit mahnendem Zeigefinger den Blick auf das Zeitalter des frühen Kapitalismus im Holland des 17. Jahrhunderts.

Was Tulpen mit Finanzspekulationen zu tun haben?

Um das Jahr 1600 herum nahm im damals wirtschaftlich besonders aufstrebenden Holland eine Entwicklung ihren Anfang, die auch heute noch als Musterbeispiel für die Funktionalität oder Dysfunktionalität von Finanzmärkten gilt. Im Mittelpunkt der Geschehnisse stand die eigentlich aus der Türkei stammende Tulpe, die heutzutage untrennbar mit den Niederlanden verbunden scheint. Die begrenzte und zeitlich langwierige Vermehrung von Tulpenzwiebeln verlieh der Wertentwicklung dieser Ware nach 1600 einen gewaltigen Schub. Zunächst ging es dem aufstrebenden Bürgertum Hollands darum, den Vorgarten des eigenen Wohnanwesens als Statussymbol mit möglichst farbenprächtigen Züchtungen der damals noch reichlich exotischen Tulpe zu verzieren. Rasch aber wurde der Handel mit Tulpenzwiebeln auch von Spekulanten entdeckt, die nach Anlagemöglichkeiten für die aus aller Welt in die Seefahrernation Holland strömenden Reichtümer suchten. Hatte man sich zunächst noch damit begnügt, tatsächlich bereits geerntete Tulpenzwiebeln aufzukaufen und mit Gewinn weiter zu verkaufen, wurden wenige Jahre später schon weit in die Zukunft reichende Terminkontrakte über noch zu erntende Zwiebeln geschlossen. Aufgrund der glänzenden Wertzuwächse wurden diese Kontrakte auch mit Krediten finanziert, denen kein tatsächlicher Besitz der Spekulanten gegenüberstand. Als schließlich auch die unteren Bevölkerungsschichten Hollands ihren Anteil am scheinbar endlosen Aufwärtstrend der Preise wollten, platze die Blase im Jahr 1637: Die von jeglicher Realität und Realwirtschaft entfernten Preise für Tulpenzwiebeln stürzten zusammen mit den Erwartungen der Investoren ins Bodenlose und warfen damit auch die restliche Wirtschaft Hollands auf Jahre zu Boden.

Die Spekulationsblase der Kryptowährungen

Kryptowährungen stellen eine moderne und internationale Antwort auf die Leitwährungen dar, die von den großen Notenbanken kontrolliert werden. Aus verschiedensten volkswirtschaftlichen Erwägungen werden seit Jahren riesige Unmengen an Geld von den Notenbanken der USA, der EU und weiteren wirtschaftlich starken Staaten in die Märkte gepumpt, um so für eine stabile Inflation und für wachsende Investitionsbereitschaft zu sorgen. Das rapide Ansteigen der Geldmenge hat allerdings auch den Wert des Bargelds verringert und “normale” Geldanlagen wie das klassische Sparbuch durch künstliche Niedrigstzinsen uninteressant gemacht. Viele Anleger haben außerdem das Vertrauen in die Geldpolitik verloren und wollen bewusst auf “unabhängige” und staatlich unkontrollierbare Währungen setzen. Kryptowährungen wie Bitcoins sind in ihrer Konzeption so angelegt, dass ihre Menge auch bei steigendem weltweitem Interesse stets nur sehr gering anwächst. Das hat dazu geführt, dass sich die ersten Wertzuwächse der Bitcoins zusammen mit dem wachsenden Bekanntheitsgrad der Kryptowährung auf den weiteren Kursverlauf wie ein Brandbeschleuniger ausgewirkt hat. Immer mehr Menschen aus immer mehr Ländern wollen noch möglichst rechtzeitig auf den Zug aufspringen und am Goldrausch der Bitcoins teilhaben.

Vorsicht vor verbrannten Fingern

Das wachsende Interesse hat Bitcoins auch für den Otto-Normalverbraucher interessant gemacht. Der Faktor, in immer mehr Geschäften oder Dienstleistungsbetrieben auch tatsächlich mit der Kryptowährung bezahlen zu können, hat vermutlich noch nicht einmal den größten Anteil am Kursfeuerwerk. Vielmehr sollen Bitcoins vielen Anlegern sogar als vermeintlich sicherer Hafen für den in naher Zukunft befürchteten Börsencrash dienen. Dabei hat sich diese Art der Geldanlage trotz der Neid erweckenden Geschichten über Investoren der ersten Stunde und deren mehrstellige Wertzuwachsraten zuletzt schon als extrem volatil erwiesen: Gewinnmitnahmen und skeptische Äußerungen bedeutender Stimmen der Finanzbranche können jederzeit für Kursrücksetzer sorgen, die das Ganze zu einem hoch spekulativem Unterfangen machen. Wie bei den Tulpen im Holland des 17. Jahrhunderts befeuern auch bei den Bitcoins vor allem die Erwartungen an immer neue Rekordzuwächse den Kurs und können so auch tatsächlich für beeindruckende Gewinne sorgen. Anleger sollten sich ob der Unsicherheit aber keinesfalls darauf einlassen, auf Kredit zu spekulieren, da die Rallye jederzeit schnell vorbei sein kann.

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